Elbschifffahrtstag 2020

  • Aufgrund der Corona-Pandemie konnte der Elbschifffahrtstag nicht wie geplant im Dresdner Lingnerschloss stattfinden. Um dennoch aktuelle Informationen zu Themen rund um die gewerbliche Binnenschifffahrt im Elbstromgebiet vermitteln zu können, hat sich der ausrichtende Verein, der Elbe Allianz e. V., zu einer Videokonferenz entschlossen. Dieser Einladung folgten über 70 Teilnehmer, die sich aus Deutschland und Tschechien zuschalteten.

    Mit einem Grußwort des Ministerpräsidenten Sachsen, Michael Kretschmer, startete dieses etwas ungewöhnliche Format. Daher bedauerte er, dass er die Teilnehmer nicht persönlich begrüßen konnte und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass im folgenden Jahr ein Treffen in Dresden möglich sein wird.

    Dr. Norbert Salomon, Abteilungsleiter Wasserstraßen und Schifffahrt des BMVI, unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung des Gesamtkonzepts Elbe (GKE). Dessen Erarbeitung brachte die Interessengruppen von der ökologischen und ökonomischen Seite zusammen. Jetzt habe die Phase der Umsetzung begonnen, wobei das GKE einen sehr hohen Bindungsgrad für Politik und die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung hat. Neben ökologischen Fragen habe sich die Verwaltung verpflichtet „die Schifffahrt an der Elbe langfristig zu sichern“ betonte Salomon und ergänzt, dass jetzt begonnen wird, die Schwachstellen an der Elbe zu beseitigen. Als weitere Chance nannte er das in Erarbeitung befindliche Förderprogramm zur Modernisierung der Binnenschifffahrt. Hier geht es nicht nur um umweltfreundlichere Schiffe, sondern auch an dem Niedrigwasser angepassten neuen Schiffsraum.

    Zur Einführung in die Thematik gab Stefan Kunze, Vorstandsvorsitzender Elbe Allianz e. V., einen kurzen Überblick über die Lage der Binnenschifffahrt im Elbstromgebiet. Er verwies darauf, dass nach den letzten beiden Dürrejahren mit extremen Niedrigwasserperioden der Start in das Jahr 2020 durchaus hoffnungsvoll stimmen konnte. Auf Grund auskömmlicher Wasserstände und Beschränkungen im grenzüberschreitenden Verkehr und durch die Coronakrise kamen verstärkt Güter auf die Elbe. Allerdings verhinderte seit April wieder Niedrigwasser eine Verstetigung dieser Transporte. Neben der gestarteten Umsetzung des GKE sei auch die Betrachtung der wasserwirtschaftlichen Rahmenbedingungen notwendig. „Nicht nur die Schifffahrt war betroffen, auch Auen und Uferregionen sind durch die Dürre erheblich geschädigt worden. Mehr Wasser würde also allen helfen“ unterstrich Kunze.  Neben dem fehlenden Wasser erschwert die Verschärfung rechtlicher Rahmenbedingungen die Transportdurchführung. So sei seit Ende letzten Jahres der Einsatz technischer Hilfsmittel für die Sicht nach vorn verboten, jahrzehntelange positive Erfahrungen werden damit konterkariert.

    Neben der Elbe besteht jedoch auch Handlungsbedarf auf anderen Wasserstraßen im Elbstromgebiet. Als Beispiel führte Kunze die Ertüchtigung des Elbe-Lübeck-Kanals, aber auch den ausstehenden Bau des Saale-Seitenkanals an. Zwar sei die Planung für die neue Schleuse Lüneburg auf gutem Weg, allerdings stellt die Einzügigkeit des Schiffshebewerks Scharnebeck, die Schifffahrt weiterhin vor Probleme. Positive Nachrichten seien auch zu verzeichnen. Als Beispiele führte er die vorzeitige Beendigung der Schleusenreparatur Rothensee sowie die steigenden Mengen im Containertransport per Binnenschiff vom und zum Hamburger Hafen an.

    Mit Spannung erwartet wurde der Vortrag von Dr. Enno Nilson, Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG). Auf Basis aktueller Erkenntnisse aus Klimaforschung stellte er den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Schifffahrtsbedingungen her. Die sehr komplexen Zusammenhänge aus klimatischen Veränderungen wie z.B. die Entwicklung des Meeresspiegels, Lufttemperatur, Niederschläge auf den Wasserspiegel und damit die Schifffahrt konnte er anschaulich vermitteln. Dabei gelang es, die aktuelle Situation im historischen Kontext einzuordnen und auf Basis zahlreicher Klimamodelle Ableitungen für die Zukunft herzustellen. Niedrigwassersituationen seien für die Elbe in der Vergangenheit noch deutlich ausgeprägter als heute. „Wir befinden uns zwar aktuell in einer recht langen Niedrigwasserperiode“ konstatierte Nilson. Allerdings sei ein weiterer jäher Absturz den Zukunftsprojektionen zufolge nicht zu befürchten. Bis zur Mitte des Jahrhunderts seien keine nennenswerten Veränderungen zu erwarten, auch die aktuelle Situation spiegelt sich in der Modellierung – allerdings am trockensten Rand der Modelle – wieder. Danach sei jedoch eine Verschärfung der Niedrigwassersituation zu erwarten. Als Hilfsmittel für das Gewerbe stellte Nilson die Vorhersage- und Klimaberatungsdienste der BfG vor. Durch diese wird eine Prognose für mehrere Wochen im Voraus auch für die Elbe zur Verfügung gestellt. Für den Bereich der nächsten drei Wochen sei eine recht genaue Vorhersage möglich und könne als Planungsinstrument für die Schifffahrt hilfreich sein, betonte Nilson und lud zu einer verstärkten Nutzung durch das Gewerbe ein.. Charts zum Vortrag

    Über den Stand der Umsetzung des GKE informierte Thomas Gabriel, Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt. Bei der Umsetzung des Unterhaltungsziels ist die Gleichwertigkeit der Nutzungsbelange der Elbe zu sichern, betont Gabriel. Auf die Schifffahrt bezogen sei eine Durchgängigkeit mit gleichwertigen Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen. Die für eine Umsetzung erforderlichen Ressourcen wurden durch die Zuweisung von Haushaltsmitteln für 34,5 Planstellen, aber auch für Planungen zum Pilotprojekt Klöden im Bereich der Erosionsstrecke und der Reststrecke geschaffen. Inzwischen ist ein Großteil der Stellen besetzt, so dass aktiv an der Planung zu Klöden gearbeitet wird. Da es sich hier sowohl um bundes- als auch föderale Zuständigkeiten handelt, wurde im Februar mit dem Abschluss einer Kooperationsvereinbarung zwischen dem BMVI und dem Land Sachsen-Anhalt eine weitere wesentliche Voraussetzung geschaffen. Für Klöden sei ein Abschluss des Planfeststellungsverfahrens bis Ende 2024 realistisch, worauf der Baubeginn erfolgen kann. Für die Reststrecke wird eine Planungsgruppe Variantenvorschläge bis Ende 2020 erarbeiten, die dann dem Bund-Länder-Gremium zur Entscheidung im Januar 2021 vorgelegt werden soll. Parallel werden Planungen für Einzelmaßnahmen zwischen Saale- und Elstermündung aufgenommen, um Engpässe für die Schifffahrt zu entschärfen. Charts zum Vortrag

    Die aktuellen Unterhaltungsmaßnahmen an der Elbe stellte Tjark Hildebrandt, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Magdeburg, vor. Bei den rund 3000 Buhnen im Amtsbereich gibt es keine mehr mit größeren Schäden. Damit einher ginge allerdings, dass die Instandsetzung von Buhnen keine wesentlichen Verbesserungen für die Schifffahrt bringt. Neben dem Substanzerhalt gibt es jedoch ökologische Effekte bei der Unterhaltung. So sorgen der Rückbau von nicht mehr benötigten Ufersicherungen und die Öffnung von Landanschlüssen der Buhnen für das Entstehen neuer Habitate und damit eine ökologische Aufwertung. „Die Regelunterhaltung in diesem Bereich sorgt also weniger für die Schiffbarkeit der Elbe, damit mehr für den Naturschutz“ unterstrich Hildebrandt. Für die Schifffahrt werden Fehlstellen durch Baggerungen beseitigt, in der Regel aber nur mit temporärem Nutzen. Daher sollen stabile Fahrrinnenverhältnisse durch die Anpassung von Buhnen erreicht werden. Einen zusätzlichen Nutzen für die Schifffahrt könne sich aus der Digitalisierung ergeben. Ziel ist eine bessere Navigation auf der Elbe, die zum Beispiel mit der lagetreuen Darstellung von Schifffahrtszeichen auf elektronischen Karten erreicht werden kann. Virtuelle Schifffahrtszeichen können auf gleichem Weg helfen, Veränderungen der Fahrrinne schnell zu kommunizieren. Charts zum Vortrag

    Der Themenbereich Digitalisierung stand auch im Vortrag von Gerald Hirt und Jan Hartwig, HVCC Hamburg Vessel Coordination Center, im Vordergrund. Auch die Binnenschifffahrt ist bei den Hamburger Terminals stärker in den Fokus geraten. Das HVCC, ein Joint Venture der Terminalbetreiber HHLA und Eurogate, koordiniert die Abstimmung zwischen Reedern, Terminals und weiteren Beteiligten der Transportkette, um für alle Seiten eine effizientere Arbeit zu ermöglichen. Im April 2020 wurde ein Projekt zur Schaffung einer Binnenschiffsplattform fertig gestellt und läuft seitdem im Live-Betrieb. HVCC fungiert dabei im 24/7-Modus als Dispositionszentrale und Datenplattform, wobei die Daten aus Binnenschiffszulauf, Rotationen im Hamburger Hafen und Terminalabläufen gesammelt, interpretiert und den Beteiligten für die eigene Planung zur Verfügung gestellt werden. Beispielsweise können freie Zeitfenster an den Terminals schnell genutzt werden, um eine bessere Terminalauslastung, kürzere Wartezeiten und damit schnellere Umläufe im Hamburger Hafen zu erreichen.  Synergien entstehen dadurch sowohl für Terminalbetreiber als auch Binnenschiffer. Weitere Verbesserungen könnten sich aus einer Schleusenplanung im Zulauf, aber auch einer Vernetzung mit Behörden ergeben. Charts zum Vortrag

    Eindringlich mahnte Heiko Loroff, Sächsische Binnenhäfen Oberelbe, Verbesserungen für die Schifffahrt an. „Die aktuellen Erfahrungen der Branche sind dramatisch“ fasste Loroff die Entwicklung der letzten Jahre zusammen. Zwar sei es gelungen, die Umschlagsmengen in den Häfen zu steigern, das allerdings vor allem durch Lkw- und Bahntransporte. Schiffsumschläge sind rückläufig. Damit sinkt allerdings auch die Wertigkeit von Häfen in der allgemeinen Wahrnehmung. Zusätzlich zu den Problemen bemängelt Loroff auch die Genehmigungspraxis bei Schwerlasttransporten per Binnenschiff. „Die Verschärfung der rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland führten zur Nichtnutzbarkeit von Wellen, die von der tschechischen Wasserstraßenverwaltung organisiert wurden. Bei gängiger Praxis hätte hier Transporte sichergestellt werden, so liefen die Wellen ins Leere“ unterstrich Loroff. Die Schäden für Reeder, Häfen und Transportkunden beliefen sich auf mehrere 100.000 Euro. Hier müsse ein massives Umdenken erfolgen, damit die Schifffahrt auf der Elbe wieder eine Chance bekommt.

    Abschließend dankte Kunze den Referenten für die Vorträge und vor allem Ihren Mut, sich auf dieses Format einzulassen. Auch den Teilnehmer, die fast vollständig bis zum Schluss den Ausführungen folgten, sowie dem Team des Peter Pickhuben Studios von Hafen Hamburg Marketing dankte er im Namen des Elbe Allianz e.V.. Er lud zum Elbschifffahrtstag 2021 – dann wieder als Präsenzveranstaltung – in Dresden ein.

     

  • Elbschifffahrtstag 2020

    Impression vom Elbschifffahrtstag 2020: Vortrag von Gerald Hirt und Jan Hartwig/HVCC

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      Die Hamburger Hafen und Logistik AG und die Hafenbetriebsgesellschaft Braunschweig mbH haben am Montag, 13. Juli, im Braunschweiger Rathaus einen Vertrag über eine strategische Partnerschaft unterzeichnet. Ziel ist die Förderung der umweltfreundlichen Binnenschifffahrt im Containerhinterlandverkehr zwischen Hamburg und dem niedersächsischen Binnenhafen.

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